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Comeback nach 84 Jahren
Es ist eine kleine Sensation: Erstmals seit 1927 können deutsche
Zuschauer den Stummfilmklassiker Metropolis wieder in einer
zweieinhalbstündigen Langfassung im Kino sehen. Diese Chance
sollten sich Filmfreunde nicht entgehen lassen. Fritz Langs
Science-Fiction-Oper lohnt sowohl die erstmalige wie auch die
Wiederentdeckung. Denn die grandiosen Bilderwelten des
Mammutprojekts haben nicht nur Filme wie Blade Runner
beeinflusst. Sie bleiben auch bei wiederholtem Sehen erstaunlich
frisch und aktuell.
Die Geschichte um die verlorene Urfassung und um die mehrfachen
Rekonstruktionen ist fast so kurios wie die Historie der
Dreharbeiten. Die dauerten unglaubliche eineinhalb Jahre und
kosteten rund sechs Millionen Reichsmark - eine Summe, die die
Produktionsfirma Ufa an den Rand des Ruins brachte. Denn der
Film fiel bei Kritikern und Publikum durch. Lediglich 15.000
Menschen sahen in Deutschland die ursprünglich von Regisseur
Fritz Lang konzipierte Fassung. Sie wurde nach vier Monaten aus
dem Verkehr gezogen und später durch eine gekürzte, vermeintlich
publikumsfreundlichere Version ersetzt. Seitdem galt ein Viertel
des inzwischen als Weltdokumenterbe der Unesco anerkannten
Mammutwerks als verloren. Erst dank einer 2008 in Buenos Aires
entdeckten, allerdings stark beschädigten 16-Millimeter-Kopie,
konnten Restauratoren der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Siftung den
ursprünglichen Zustand nun so weit wie möglich wieder
herstellen. 27 Minuten sind hinzugekommen. Es fehlen gegenüber
dem Original nur noch acht Minuten.
Der "neue" Metropolis-Film also, um die fehlenden Szenen ergänzt
und im Schnitt an manchen Stellen korrigiert: Das ist natürlich
kein komplett anderes Werk, auch wenn Filmhistoriker mitunter
von "Verstümmelung" gesprochen haben. Dennoch macht die
Langfassung einen vielschichtigeren, runderen Eindruck. Durch
die stärkere Berücksichtigung von Nebenhandlungen verliert die
umstrittene Botschaft des Films – die Aufhebung des
Klassengegensatzes zwischen Kapitalisten und Arbeitern durch
einen "Mittler" – ein wenig von ihrer Abstraktheit. Die
Manipulationsabsicht fügt sich harmonischer in den Erzählstrang
ein, ohne sich freilich inhaltlich zu verändern. Die Moral der
Geschichte bleibt platt und die spätere NSDAP-Mitgliedschaft der
Drehbuchautorin – Langs damalige Ehefrau Thea von Harbou – gibt
nach wie vor zu denken.
Die nacherzählbare Handlung ist gewiss der Schwachpunkt von
Metropolis. Sie handelt von einer futuristischen
Zweiklassengesellschaft. Unter der Erde müssen die
ausgebeuteten, fast wie Sklaven gehaltenen Arbeiter hausen. In
der Oberstadt dagegen vergnügen sich die Reichen, unter ihnen
Freder (Gustav Fröhlich), der Sohn des Alleinherrschers Joh
Fredersen (Alfred Abel). Freder verliebt sich in Maria (Brigitte
Helm), die christlich inspirierte Arbeiterführerin. Dadurch
entdeckt er erstmals die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der
Unterstadt, wo eine Revolte droht. Um der vorzubeugen,
beauftragt Freders Vater den Erfinder Rotwang mit der Schaffung
einer zweiten Maria, einem Maschinenmenschen, die der echten
Maria zum Verwechseln ähnlich ist. Die falsche Maria soll die
Arbeiter zum Maschinensturm aufrufen und so einen Vorwand für
die gewaltsame Niederschlagung der Arbeiter liefern. Aber der
Kapitalist hat die Rechnung ohne den Erfinder gemacht, der sich
heimlich an ihm rächen will.
Seinen bis heute fortwirkenden Reiz verdankt Langs
expressionistisch inspirierter Klassiker jedoch nicht der Story,
sondern der Kraft und dem Erfindungsreichtum seiner Bilder. Ob
es sich um den Maschinenmoloch handelt, an dem die Arbeiter
hängen wie die Gekreuzigten, oder um die gierigen Blicke
lüsterner Männer beim lasziven Tanz der falschen Maria, oder
schlicht um den Archetypus einer futuristischen Stadtlandschaft
– Fritz Lang zieht den Zuschauer in eine Bilderflut, aus der er
ihn zweieinhalb spannende Stunden lang nicht entlässt. Für den
emotionalen Sog sorgt nicht zuletzt die ebenfalls rekonstruierte
Originalmusik von Gottfried Huppertz – ein wuchtiges
sinfonisches Werk im Stil der Spätromantik, mit wiederkehrenden
musikalischen Leitmotiven für die Figuren.
Nicht unbedingt als Nachteil erweist sich, dass die neu
entdeckte Kopie aus Buenos Aires, von der die zusätzlich
eingefügten Szenen stammen, so zerkratzt ist. Auf diese Weise
sieht man sehr genau, wie sich die neue Fassung von der früheren
unterscheidet. Die "neuen" Einstellungen weisen erhebliche
Gebrauchsspuren auf und sind sofort zu erkennen. Manchmal
liefern sie nur einen Gegenschuss, manchmal dauern sie etwas
länger, aber nie wirken sie in ihrer optischen Mangelhaftigkeit
störend. Stattdessen liefern sie wertvolle Einblicke in die
Beziehung von Freder zu dem Arbeiter, mit dem er die Kleidung
tauscht, sowie in den Zwist zwischen Joh Fredersen und Rotwang.
Außerdem tragen sie im abschließenden Actionszenario zu einer
besseren räumlichen Orientierung bei.
Er wolle sich nicht zu einem Film äußern, der nicht mehr
existiere, hat Fritz Lang einmal in Anspielung auf die
Kurzfassung gesagt. Das gilt heute nicht mehr. Metropolis lebt.
Produktionsjahr: 1927
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 12.05.2011
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Fritz Lang, Thea von Harbou
Hauptdarsteller: Fritz Rasp, Gustav Fröhlich, Brigitte Helm,
Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge
Dauer: 152
Min.
FSK: OHNE
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