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Dino (Kad Merad) beherrscht
das Spiel der italienischen Rituale wie kaum ein Anderer. Das
sorgfältige Rasieren der Glatze oder den Bart um Mund und
Oberlippe. Das Auswählen der Ringe, der Goldkette und natürlich
der unvermeidlichen Sonnenbrille. Sein Auto ist ein Maserati in
dessen Anlage bereits italienische Schlager auf ihn warten. Das
Im-Takt-Klopfen seiner Finger auf dem Lenkrad an der Ampel, im
Hintergrund das Kolosseum und das römische Leben. Da bewegt sich
das Kolosseum, entpuppt sich als Werbefläche, verschwindet auf
der anderen Seite und holt eine neue Welt hervor: "Bienvenu à
Nice". So einfach kann Täuschung funktionieren. Und sie ist so
etwas wie das Leitmotiv dieses Films, denn die Illusion, man sei
in Italien, ist keineswegs die einzige Täuschung, mit der der
Film und seine Protagonisten spielen.
Dino Fabrizzi aus Rom heißt eigentlich Mourad Ben Saoud und
kommt aus Marseille. Mourad lebt seit einigen Jahren als Dino in
Nizza und arbeitet in einem italienischen Autohaus. Sein Chef
ist begeistert von ihm und sieht ihn bereits als seinen
Nachfolger. Nur seine Schwester und sein engster Freund, der
durch Mourads verschiedene Nationalitäten und Identitäten zu
seiner nächsten Ausstellung angeregt wird, sind eingeweiht.
Selbst seine Freundin (Valérie Benguigui) ahnt nichts von seiner
zweiten, seiner doppelten Identität. An den Wochenenden fährt
Dino nach Rom zu seiner italienischen Familie, was so viel heißt
wie, Mourad fährt nach Marseille. Seine algerische Familie lässt
er in dem Glauben, er arbeite erfolgreich in einem Unternehmen
in Rom.
Als bei einem seiner Wochenendbesuche der Vater einen
Herzinfarkt erleidet und er damit auf den herannahenden Ramadan
verzichten muss, bittet der Vater den Sohn an seiner Stelle zu
fasten. Mourad, der wie seine zwei Geschwister die französische
Staatsbürgerschaft und die französische Muttersprache besitzt,
muss feststellen, dass er zwar über die Rituale eines
Vorzeige-Italieners bestens Bescheid weiß, aber dafür umso
weniger über die Kultur seiner Eltern.
Dass die Folgen des Fastens für sein Umfeld nicht verborgen
bleiben ist abzusehen. So beginnt ein Spiel zwischen dem
Aufrechterhalten seines Doppellebens, dem Ausweichen jeglicher
körperlicher Berührung mit seiner Freundin und der darauf
folgenden Erklärungsnot und gleichzeitig einer Annäherung an die
Herkunft seiner Eltern.
Gerade durch jenes Annähern, wird die eigentliche Verleugnung,
die seiner eigenen Herkunft, deutlich. Der immer größer werdende
Respekt, mit dem Mourad seinem täglichen Gebet und den
dazugehörenden Ritualen begegnet, ist auch für den Zuschauer
spürbar. Damit schafft Fasten auf Italienisch den Sprung von der
Komödie zum Ernsthaften, ohne dabei das Leichte aus den Augen zu
verlieren. Und das ist selten.
Natürlich sind die Probleme vorhersehbar und man weiß nach den
ersten 5 Minuten, wohin die Reise von Dino gehen wird – es ist
vor allem eine Reise zu sich selbst. Auch von einem Happy-End
darf ausgegangen werden. Und dennoch hat Fasten auf Italienisch
den Mut, den immer noch weit verbreiteten Rassismus in
Frankreich anzusprechen und deutlich zu benennen.
Der Regisseur Olivier Baroux (Safari) und sein Hauptdarsteller
Kad Merad (Willkommen bei den Sch’tis, aber auch Keine Sorge mir
geht’s gut) arbeiten bereits seit 20 Jahren zusammen. Schon seit
längerem wollten sie "eine Komödie mit Hintergrund" drehen, wie
Baroux es in einem Interview nennt. Es sei ihnen darum gegangen,
eine breite Masse ansprechen mit einem Thema das ihnen nahe ist,
ohne die Menschen zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Das kann man
dem Film vorwerfen - oder genau dies als seine Stärke ansehen.
Das Verschleiern der eigenen Herkunft ist dem Hauptdarsteller
übrigens aus der eigenen Familie bestens bekannt: Der Vater von
Kad Merad, Mohamed, ebenfalls Schauspieler, ließ sich von allen
Rémi nennen. Damit vermied er es, dass andere über seine
Herkunft nachdachten. Sein Sohn Kad (der unter dem Namen Kaddour
Merad in Algerien geboren wurde und in Frankreich aufgewachsen
ist) hat sich dagegen entschieden, seinen Namen in Francois
Merad zu ändern, er ließ aber die 2. Silbe seines Namens
wegfallen - als kleines Zugeständnis sozusagen. Manchmal sind
sich Film und Realität eben doch näher, als es auf den ersten
Blick erscheinen mag.
Originaltitel: L'Italien
Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2010
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 13.01.2011
Regie: Olivier Baroux
Hauptdarsteller: Kad Merad, Philippe Lefebvre, Roland Giraud,
Valérie Benguigui, Guillaume Gallienne
Dauer: 102
Min.
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